Erinnerungen an Geras Wintergarten und Zukunftshoffnungen für eine Brache
Porträt
Der Wintergarten Gera im Stadtteil Pforten, erbaut vor etwa 100 Jahren, ist seit der Wende eine Brache. Ein finanzierbares Nutzungskonzept fehlt.
Der Wintergarten Gera im Stadtteil Pforten wurde vor etwa 100 Jahren als Gesellschaftshaus mit Restaurant und Saal erbaut. Doch das war einmal. Seit der Wende ist das Haus eine Brache. Zwar ist es jetzt in privatem Eigentum, doch fehlt bisher ein finanzierbares Nutzungskonzept.
Gera. Beim Anblick des "Wintergartens" steigt Wehmut hoch in Klaus Thalemann. Tagtäglich hat der 77-Jährige, der in der Reichsstraße wenige Meter entfernt wohnt, das einst blühende Gesellschaftshaus vor Augen und fragt sich, was nun aus der Brache werden soll. Hoch her muss es einst in dem Lokal mit Saal und Gaststätte an der Brauerei in Pforten gegangen sein. "Zu Fasching wurde die Polonaise von dort quer durch Gera getanzt", erinnert sich der Senior an die guten alten Zeiten des Hauses, das laut Gera-Chronik vor etwa 100 Jahren nach dem Abriss des Pfortener Wirtschaftslokals "Zum Lindethal" errichtet wurde. In den 1920er Jahren hatte der "Wintergarten" sein eigenes Orchester. Nach dem Krieg wurde dort bald wieder getanzt. "Flotte Rhythmen in den 50er Jahren das war damals noch nicht gern gesehen", berichtet Klaus Thalemann. Und in der Mitte des Saales drehte sich eine Spiegelkugel, wie sie später in Discotheken zu finden war. In jungen Jahren war Klaus, der Sohn des einstigen Fleischers Thalemann in der Reichsstraße, mit Schellackplatten in den "Wintergarten"gezogen, um sich von den Stars jener Zeit Autogramme zu erjagen. Da war er noch keine 18, hätte wegen des Jugendschutzes den Saal um 22 Uhr verlassen müssen. Aber ohne Autogramme auf den Platten, die bis heute sorgsam verwahrt sind, war ans Gehen nicht zu denken. "Als die Kontrolle kam, versteckte uns die Sängerin Irma Baltuttis in der Bühnentoilette", plaudert der heute 77-Jährige aus seinen Jugendstreichen. Die Baltuttis und ihr Gesangspartner Fred Frohberg, die in der ersten Schlagerrevue der DDR gleich den ersten Platz belegten, oder Fips Fleischer als Bandmitglied bei Orchesterclownerie oder Eric Herse, von dem Klaus Thalemann noch einen Rundfunkmitschnitt besitzt, waren die Schlagergrößen von damals im Geraer "Wintergarten".
Die Gera-Chronik berichtet zudem vom Sitz eines Gesangsvereins und anderen Vereinigungen, von Feiern, Kongressen, Konferenzen, Tanzstundenbällen und Züchterausstellungen. Die Bühnen der Stadt Gera nutzten den Saal des Hauses für Theateraufführungen. Schließlich war und ist die Lage des "Wintergartens" ideal mit Straßenbahn- und zwischenzeitlich Bushaltestellen unmittelbar vor der Tür. Doch seit Jahren wartet die Nostalgie, die sich mit dem "Wintergarten" verbindet, auf eine Renaissance. Nach der Wende schloss das Gesellschaftshaus. Dann wurde vergeblich nach einem Investor für das stadtbildprägende Gebäude gesucht. Vor zehn Jahren dann hatte die RSH Baukonzeption und Bauträger GmbH angekündigt, im Mai 2001 das Haus wieder als zentrale Versammlungs- und Vergnügungsstätte zu eröffnen. Vorausgesetzt, dass der Vorplatz neu gestaltet und eine Verkehrslösung mit der neuen Ochsenbrücke geschaffen würden. Getan hatte sich nichts. Fünf Jahre später war die Reichsstraße umgebaut, der Vorplatz zum "Wintergarten" offen. Es tat sich auch weiterhin nichts. Inzwischen ist die RSH GmbH in der Insolvenz. Der völlig "über Wert belastete ,Wintergarten gehörte allerdings nicht zur Insolvenzmasse", sagt Insolvenzverwalter Jens Oehler aus Erfurt. Vor dem Verfahren am Amtsgericht Gera wechselte die mittlerweile 20-jährige Brache aus dem angeschlagenen Unternehmensbesitz in private Hände. "Pläne gab es ja viele für das Haus von einer Seniorenresidenz bis zur Hausbrauerei", weiß der Insolvenzverwalter. Zu seinen Plänen hat sich der jetzige Eigentümer noch nicht geäußert. "Da kann man nur hoffen", sagt Anwalt Oehler. Und auch Geraer wie Klaus Thalemann hoffen, dass ein Teil ihrer Jugendzeit noch einmal erblüht.