Lob für überlange Lkw-Züge: Vorteile überwiegen laut Studie über Thüringer Pilotprojekt
Porträt
Marco Nerlich (links) und Andreas Menzel fahren den überlangen LKW, gennat Gigaliner.
Jetzt schwenkt auch der Verkehrsminister um. Fahrer Andreas Menzel zieht den Mund zusammen, runzelt die Stirn. "Ich bedaure, dass ich wieder auf einen normalen Lkw umsteigen musste", sagt der Angestellte der Speditionsgruppe Rigterink. In einem Pilotversuch fuhr er zwei Jahre einen überlangen Lastzug.
Erfurt. Er machte ausschließlich positive Erfahrungen. Der Kraftsdorfer transportierte mit dem 25 Meter langen Gigaliner Zwieback von Ohrdruf ins Hermsdorfer Lager. Statt 66 Europaletten fasste der EuroCombi 102. Um diese Menge zu fassen, zieht ein Laster statt eines normalen Anhängers einen Auflieger, der auf einer mitlenkenden Dollyachse liegt. Dieses 27 500 Euro teure Spezialteil macht den Fuhrpark vielseitiger, da es bestehende Lkw und Auflieger zum überlangen Gespann umrüstet.
Oben: Ein "Riesenlaster" vom ersten Pilotprojekt für Gigaliner der Firma Fliegl Fahrzeugbau GmbH vor Projektbeginn in Triptis. Unten. Größenvergleich: Der überlange LKW der Spedition H. Rigterink und der Kleintransporter der Fachhochschule Erfurt. Fotos: Peter Cissek, Tino Zippel
"Das steuert sich einfacher als ein normaler Lastzug", sagt Menzel. Das Ausholen vor einer Kurve gehöre der Vergangenheit an wie ein Pkw fahre sich der Zug. Die Wendigkeit führen Menzel und sein Kollege Marco Nerlich auf dem Gelände der Fachhochschule Erfurt vor. Problemlos rollte der EuroCombi im Kreis. Dagegen schnitt der normale Sattelauflieger die innere Begrenzung. "Sehen Sie", sagt Speditionsgeschäftsführer Detlef Claus vollends zufrieden.
Uwe Adler von der Fachhochschule Erfurt, Fachrichtung Verkehrs- und Transportwesen, erstellte die Studie.
Bestätigt sieht er sich durch die Studie der FH Erfurt, die seit gestern vorliegt. Sie unterstreicht die Wirtschaftlichkeit eines überlangen Lastzuges, nimmt zugleich Bedenken, dass Straßen mehr in Anspruch genommen werden. "Im Gegenteil", sagt Prof. Uwe Adler von der Fachrichtung Verkehrs- und Transportwesen, "die Last wird nicht auf fünf, sondern auf acht Achsen verteilt. Die Fahrzeuge machen den Straßen sogar weniger zu schaffen." Das alles gilt bei der Annahme, dass die Laster zwar in der Länge wachsen, das zulässige Gesamtgewicht jedoch bei 40 Tonnen bleibt. "Das lohnt sich vor allem für leichte Ware, die viel Volumen benötigt", stellt Spediteur Claus heraus. Also für Autoteile, Kartoffelchips oder eben Zwieback. Ständig pendelt ein Lastzug zwischen Hermsdorf und Ohrdruf, um der Firma Brandt Verpackungsmaterial zu liefern und Zwieback abzutransportieren. Die Studie zeigte, dass 395 Fahrten pro Jahr weniger nötig waren. Laut Prof. Adler spart das 82 700 Kilometer pro Jahr und damit 12 000 Liter Diesel.
Bei Tests fiel auf, dass sich der lange Lastzug selbst durch die enge Autobahnbaustelle bei Jena geschickt schlängelt. Die Polizei registrierte keine Beschwerden über das Gespann. Einzig das gelbe Rundumlicht, das nachfolgenden Verkehr auf die Überlänge aufmerksam macht, irritiere die Autofahrer. Das führe zu unnötigen Überholversuchen vor Baustellen. Der ADAC kritisiert, dass nachfolgende Autofahrer länger zum Überholen brauchen. Beim Pilotversuch ließ sich das kaum untersuchen, da jeweils nur zehn Kilometer auf der Bundesstraße zu bewältigen waren. Prof. Adler rechnete aus, dass die neun Meter mehr an Fahrzeuglänge den Überholvorgang um eine Sekunde verlängern: "Wenn diese Sekunde fehlt, wäre es auch so zu knapp zum Überholen gewesen." Addiert kommt der Überholende dem Gegenverkehr bei Tempo 100 in dieser Zeit 55 Meter näher. "Unsere Fahrer sollten bremsen, falls sich ein Autofahrer verschätzte", sagt Claus. Dennoch stimmten die Vorteile Verkehrsminister Christian Carius
(CDU) um. "Auch die Fachabteilungen waren skeptisch. Aber die Ergebnisse der Studie überzeugen", sagt Carius. Der Koalitionsvertrag sah vor, den Pilotversuch zu beenden, was geschah. Nächste Woche wolle er aber im Kabinett eine Vorlage einbringen, den Regelverkehr auf festgelegten Strecken zu erlauben. Die SPD sträubt sich dagegen. "Wir sollten nicht Ideologie mit Sachverstand verwechseln", kontert Carius. Eine Umfrage der FH zeigt, dass Thüringer Spediteure 15 Routen interessieren, von denen 13 im Freistaat starten oder enden. Auf keiner dieser Strecken trete der Lkw in Konkurrenz zur Bahn, betont Adler. Carius nickt, möchte, falls die Straßen dies hergeben, die Wünsche erfüllen. Lkw-Fahrer Menzel hofft sehr darauf: "Ich möchte wieder durchstarten in Überlänge versteht sich."