"Wir machen Gera bekannt": 2 Kurden rappen für zweite Heimat
Porträt
Bilal und Serdar Salmi wurden in Kurdistan geboren, als Kinder kamen sie nach Deutschland. heute rappen sie für ihre zweite Heimat Gera.
Zwei in Gera lebende Kurden rappen in bester Gangsta-Manier für ihre zweite Heimat. Beim Sommerfest [Über]brücken haben sie ihren ersten Auftritt in der Stadt. Die Einwohner setzen zudem auf Flüchtlingspaten und die Theaterfeuerwehr.
Gera. "Ich weiß, dass sie mich angucken, aber es stört mich nicht mehr". Serdar Salmi, ein Kurde aus Gera, lacht. Seit 18 Jahren lebt der 23-Jährige in Deutschland. Und in Gera, einer Stadt mit nur 1,4 Prozent Ausländeranteil, geht er in der Masse nicht unter. Im Grunde ist das gut so. Denn Salmi macht seit zwei Jahren Musik und will mit seinem Projekt Emhad, das er mit seinem 19-jährigen Bruder Bilal auf die Beine stellt, für Furore sorgen. Ehmad heißt so viel wie "Wir kommen, es ist unsere Zeit". Ihre Erfahrungen aus dem deutschen Alltag verarbeiten die beiden fern von Betroffenheits-Tümelei in bestem Gangsta-Rap. In Hip-Hop-Manier stilisieren sie sich zu Unterschichten-Boys. Aus der Minderheit erwächst eine ganze eigene Identität und Kraft. Und wer glaubt, das hätte nichts mit Integration zu tun, hat weit gefehlt. Serdar, der beruflich selbstständig ist, und Bilal, der gerade eine Metaller-Lehre macht, setzen auf diese Stadt wie sonst wenige Einwohner. "Wir wollen Gera ganz bekannt machen", sagt Serdar Salmi, dessen Herz für die zweite Heimat schlägt. Die deutschsprachigen Hymnen dazu lauten "Das ist Gera" oder "Komm mit uns". Alles schön böse, ein bisschen zynisch und auch nicht perfekt. Aber seit die Videos auf Youtube zu sehen sind, "wollen meine ganzen Freunde wissen, wo Gera liegt". Wenn der Mercedes nachts durch die Stadt rauscht, Industriebrachen und Graffiti die Kulissen liefern, welches Bild der Stadt vermitteln sie dann? Auch wenn sich im Netz die Gemüter spalten, Sedar grinst: "Es ist Hip-Hop, Insider verstehen das schon." Beim gut besuchten Internationalen Kultur-Musik-Fest des Offenen Kanals am Sonnabend in Untermhaus hauen Emhad diese Lieder dem Publikum lieber nicht um die Ohren. Es ist ihr erster öffentlicher Auftritt in Gera. Das Bürgerfernsehen, eher Liedermacher-affin, hat Sorge, jemand könnte etwas falsch verstehen. Moderator Frank Karbstein spricht warnend von ungewohnten Tönen. Flüchtlingspaten und Theaterfeuerwehr
"[Über]brücken" heißt das Sommerfest, gefördert vom Bundesprogramm "Toleranz fördern Kompetenz stärken". In der Idylle des Mohrenplatzes zwischen Marienkirche und Galerie M 1 trifft man sich, Kinder basteln, Gruppen singen auf Hebräisch, Russisch, Spanisch, aber auch Schwizerdütsch und natürlich Deutsch. Ein Bus hat eigens 50 Flüchtlinge aus der Geraer Gemeinschaftsunterkunft hergebracht. Offensichtlich wären sie sonst nicht gekommen. "Wir wollen die Hemmschwelle überwinden helfen", sagt Tanja Thoss vom Freundeskreis für Flüchtlinge Gera. Deswegen haben die Mitstreiter auch das neue Projekt "Flüchtlingspate" ins Leben gerufen. Geraer sollen den Ankömmlingen "im Alltag, in der Bildung, bei der Integration" helfen. Eine erste Patenschaft gibt es zwischen dem Kindergarten Krümel der Volkssolidarität und den Flüchtlingskindern aus dem Heim. Thoss ist sich sicher, "die werden ganz schnell zueinander finden". Die Theaterfabrik und das Puppentheater haben unterdessen ein Projekt entwickelt, das sich an Schulen wendet. Drei Stücke zu den Themen Zivilcourage, Rassismus und Mobbing sind im Entstehen, schildert Fabrikleiter Peter Przetak. Wenn Klassen um Hilfe rufen, rückt nach vereinbartem Termin die "Theaterfeuerwehr" an. Drei "Feuerwehrmänner" bauen in der Schule die Bühne auf und spielen los. Ohne pädagogischen Zeigefinger, aber mit stimmiger Moral. Das Angebot ist kostenlos und wird im September erstmals Lehrern vorgestellt. "Wir haben zwar nur wenige Flüchtlinge in der Stadt, aber es sind trotzdem 150, die da sind und die anerkannt werden sollen", sagt jemand. Und so bemüht man sich redlich. Auf der Bühne gibt es Talkrunden, auch wenn nicht alle ergiebig sind. Ein gebürtiger Iraner, der seit 33 Jahren in Deutschland lebt, meint, man solle vielleicht nicht so viel reden. So ein Sommerfest, wo Deutsche und Ausländer ungezwungen aufeinander treffen, sei auf jeden Fall ein guter Anfang. Weil es an die Fördermittel des Lokalen Aktionsplanes gebunden ist, weiß allerdings noch niemand, ob es eine Fortsetzung geben könnte. Die Rapper von Emhad haben da eine einfache Lösung. In einem ihrer Songs heißt es: "Erleb einen Tag in meiner Stadt". Gemeint ist das durchaus überschaubare Gera. Eigentlich dürfte man sich nicht verfehlen.
"Wir machen Gera bekannt": 2 Kurden rappen für zweite Heimat
Kommentare
10.01.13 - 14:04
Willkommenskultur
Lieber Bilal und Serdar Salmi, vielen Dank für Euer Engagment! Den Anspruch, Gera über die Stadtgrenzen hinaus bekannt zu machen, sollten mehr Menschen haben. Bitte ignoriert die Spinner, die Euch dafür kritisieren! viele Grüße M.
17.07.12 - 08:42
miamivice
Ey yo Mann! Voll krass! Leider nur Bushido + Sido von Gera. Snoop Dogg + Jay-Z von Gera wären mir lieber. Damit sollte Gera lieber nur den entsprechenden Fans bekannt werden.